IN GROßVATERS FUßSPUREN - mit Iver Henningsen an der Ostfront

Die Geschichte von Großvaters Briefen

1965 stand ich in einem Keller im Rådmandsvej in Hadersleben und wartete auf das Läuten des Telefonautomaten. Auf dem Rand eines Mülleimers sah ich ein braunes Päckchen, auf dem mit zierlicher Schrift sorgfältig geschrieben stand: Iver Henningsen

Das Päckchen enthielt etwa 150 Briefe meines Großvaters väterlicherseits, Gefreiter Landsturmmann und Corporalschaftsführer der 40. Corporalschaft, 60. Reserve Sanitäts Corps, 40. Armeekorps, 80. Division im Osten - Beckmann/Lauenstein im nördlichen Teil der Ostfront vom 1. Januar bis 1. Dezember 1915.

Die Briefe beschreiben die täglichen Tätigkeiten des Sanitätsdienstes, enthalten aber auch lebendige und detaillierte Schilderungen der zivilen Verhältnisse, des Lebens der polnischen und litauischen Bauern und der Juden, des Soldatenlebens, anderer Südjütländer sowie Schilderungen der Kriegshandlungen.

Die Ortsangaben in den Briefen sind überraschend präzise. So präzise, dass es möglich ist, seine Route durch Polen und Litauen zu zeichnen.

Die erste Bearbeitung der Briefe wurde eine Prüfungsarbeit über 177 Seiten im Hauptfach Geschichte am Lehrerseminarium Nr. Nissum (1966), in der die Nordfront anhand der Aufzeichnungen Iver Henningsens beschrieben und mit den Beschreibungen des deutschen Generalstabs und anderen historischen Quellen verglichen wurde. Die Arbeit wurde mit Auszeichnung bewertet.

Die Familie zeigte großes Interesse und hat seither das schriftliche Material um 93 Zeichnungen Iver Henningsens von Personen, Quartieren und Örtlichkeiten ergänzt. Ich selbst habe mich zwischen 1992-2002 in längeren Perioden in Litauen aufgehalten und dort einige Lokalitäten gefunden und u.a. eine Kirche, eine Synagoge und eine Kaserne besucht, die mein Großvater beschrieben und gezeichnet hat.

Die Möglichkeiten des Materials
Die Kombination aus Briefen und Zeichnungen macht das Material aus der Hand Iver Henningsens sehr außergewöhnlich und gibt –im Zusammenhang mit seiner Neugier und seinem Interesse für das, was er sah und erlebte – eine einzigartige Möglichkeit,
· die Nordfront im Osten 1915 zu beschreiben,
· detaillierte Bilder des zivilen Lebens hinter der Front zu geben,
· Bauern, Juden, russissche Flüchtlinge und das einfache Volk zu beschreiben,
· anhand von Bildern die Unterbringung, die Arbeit der Sanitätsabteilung, Lokalitäten und Personen zu illustrieren,
· durch die präzisen Ortsangaben die Lokalitäten aufzusuchen und Vergleiche zwischen 1915 und 2004 zu ziehen, dem Jahr, in dem Polen und Litauen durch Volksabstimmung über die Aufnahme in die EU entscheiden,
· durch den persönlichen Stil der Briefe die Entwicklung eines südjütländischen Soldaten in einem Jahr an der Front ohne Urlaub zu beschreiben,
· die detaillierten und beschreibenden Zeichnungen Iver Henningsens mit den gleichen Orten 2003-2004 zu vergleichen.

Das Projekt ”In Großvaters Briefspuren”
Die Vision:
· eine Expedition in Großvaters Fußspuren durchzuführen, indem man der Route folgt, die die sehr präzisen Stellenangaben ermöglichen
· Erlebnisse in Wort und Bild zu beschreiben an den Orten, an denen Iver Henningsen am 1. Weltkrieg teilnahm, sowie diese Orte im Jahr 2004 nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs auf dem Weg in die EU zu beschreiben.
· der Gegenwart zu begegnen durch die Menschen, die jetzt an diesen Orten leben.
· die Briefe, Aufzeichnungen und Bilder für die Nachwelt zu sichern, indem sie reingeschrieben werden und mit ihnen in historisch korrekter Weise gearbeitet wird.

Ressourcen:
Wir sind eine Gruppe, bestehend aus:
· dem Lektor an der DPU (Dänische Pädagogische Universität), der die Briefe 1965 fand,
· einem Magister in Geschichte,
· einem praktizierenden Arzt mit historischem Interesse,
· einem Kunstmaler,
· einem professionell arbeitendem Fotograf und Regisseur,
· einem Reiseschriftsteller.

Vorarbeit:
Wir haben eine Reihe von Themen, die die Briefe beschreiben, aufgestellt, die wir aus der Gruppe, jeder aus seiner Perspektive heraus, versuchen zu recherchieren und zu dokumentieren.

Die Gruppe arbeitet konkret daran:
· die Briefe, Aufzeichnungen und bilder archivmäßig korrekt zu sichern,
· mit Hilfe einer Schreibkraft die Briefe und Aufzeichnungen korrekt abschreiben zu lassen,
· Karten und anderes kopiertes Material aus diversen Archiven zu beschaffen,
· Kontakt mit Forschern, Archiven und lokalen Archiven zu knüpfen, um Übersichten und Routenbeschreibungen auszuarbeiten,
· bereits jetzt mit der Aufzeichnung eines Dokumentarfilms zu beginnen, als Teil der Bildbeschreibung der Reise ”In Großvaters Fußspuren”,
· eine finanzielle Grundlage für die Expedition zu schaffen,
· die Materialkosten für Videofilme, Filme zum Abfotografieren der Bilder, für den Einkauf diversen Archivmaterials, Bücher, Kopien und Karten etc. zu decken,
· die Ausgaben für notwendige Researchreisen zu Archiven, Personen oder konkreten Lokalitäten zu decken (die Gruppe hat die erste Researchreise im Oktober 2002 unternommen).

Finanzierung des Projektes
Es ist der Gruppe klar, dass das Projekt nicht allein mit dem Engagement und der freiwilligen Arbeitsleistung der Gruppe durchgeführt werden kann. Wir beantragen Finanzmittel aus verschiedenen Stiftungen für wesentliche Teile der Expedition.

Wir sehen begrenzte Verdienstmöglichkeiten:
· durch einen oder mehrere Filme und Bücher als Unterrichtsmaterial,
· durch Artikel für Zeitungen und Zeitschriften,
· durch Vorträge,
· durch spätere Organisation von Themenreisen für SüdJütländer und andere, die sich für die Ostfront im
1. Weltkrieg und für das heutige Polen bzw. Litauen interessieren,
· durch den Verkauf von Büchern und Filmen.

Nutzen des Projektes
Zum jetzigen Zeitpunkt hat die Gruppe seit dem Jahr 2000 seriös mit den Plänen gearbeitet. Wir erwarten:
· Dass die seriöse Vorarbeit mit der Sicherung der Briefe und Zeichnungen anderen die Möglichkeit geben wird, die Quellen zu nutzen, und dass die Arbeit ein Beitrag zur Geschichte dänischer SüdJütländer im deutschen Dienst im 1. Weltkrieg an der Ostfront darstellt.
· Durch den Kontakt zu Historikern und Archiven in Dänemark, Deutschland, Litauen und Polen eine internationale Zusammenarbeit zu schaffen sowie den Austausch von Material und Erfahrungen zu fördern.
· Über die Verhältnisse in Polen und Litauen in den Jahren 1915 und 2004 informieren zu können, sowohl historisch, volkstümlich und in Bezug auf die Landschaft , und dabei das Hauptaugenmerk auf unsere ”unbekannten” Nachbarn zu legen.
· Dass dies – sowohl vor und nach der Expedition durch Vorträge in Vereinen, auf Gemeindeveranstaltungen, in Volkshochsschulen und an anderen Orten geschehen sollte. Ausstellung der Briefe, Zeichnungen, Fotos und Videofilme, die auf den Recherchereisen im Oktober 2002, nochmals in 2003 und 2004 und während der Expedition 2005 aufgenommen wurden.
· Dass die Expedition im August und September 2005 stattfinden wird.
· Dass wir unterwegs in Polen und Litauen Bildungseinrichtungen und interessierte Personen mit einer kleineren Ausstellung und Diskussionsbeiträgen über Vergangenheit und Gegenwart aufsuchen werden .

Endergebnis
· Wir planen, verschiedene Formen von Text- Bild- und Videomaterial als Unterrichtsmaterial und Diskussionsgrundlage zu erstellen.
· Wir planen ein oder mehrere Bücher, die sowohl einen Teil der Ostfront während des 1. Weltkrieges beschreiben als auch ein Bild der Gegenwart in Polen und Litauen geben werden.
· Vor und während der Expedition wird ein Dokumentarfilm gefilmt und hergestellt werden.


Die Expedition ”In Großvaters Fußspuren”
Im Juli-August 2006 wird versucht werden ,”In Großvaters Fußspuren” als Expedition teilweiser mit einem Pferdewagen durchzuführen. Der Pferdewagen wurde gewählt, weil er den bestmöglichen Kontakt zur Bevölkerung geben und uns gleichzeitig daran erinnern wird, wie schwierig es gewesen ist, sich die ca. 400 Km in der Weise fortzubewegen, wie es der Sanitetsdienst 1915 getan hat. Die Expedition wird der Route folgen, die durch die Orts- und Zeitangaben der Briefe vorgegeben ist. Unterwegs werden Videoaufnahmen gemacht und Material für spätere Publikationen gesammelt.

Vor der eigentlichen Expedition werden mehrere Recherchereisen unternommen, wovon die erste bereits im Oktober 2002 mit einer Woche Dauer von der ganzen Gruppe durchgeführt wurde. Sie wurde unternommen, um der Gruppe durch eigenes Erleben eine Vorstellung der Aufgabe zu vermitteln. In 2003 wird eine weitere kurze Reise mit dem Zweck unternommen werden, Kontakte mit polnischen und litauischen Personen und Institutionen zu knüpfen, sowie die Genehmigungen und Kontakte zu sichern, die zur Durchführung der Expedition notwendig sind.

Übersetzung: Martina Weiner